Großvenediger (3657m), Südroute, 1999
Bericht
27. August – 2. September 1999
Am 27. August 1999 machten sich der Ossi, der Moal, der Ferdl und dessen Schwiegervater Ludwig am frühen Nachmittag auf nach Osttirol; genauer gesagt nach Hinterbichl im Virgental. Unser Ziel war der Großvenediger. Der Venediger ist der vierthöchste Berg Österreichs und der Hauptgipfel der nach ihm benannten Venedigergruppe, die mehr als ein Drittel der Fläche des Nationalpark Hohe Tauern stellt. Dort angekommen, nahm man aufgrund der fortgeschrittenen Zeit das Venediger Taxi in Anspruch und legte damit die ca. 780 Höhenmeter zur Johannishütte (2.121 m) auf vier Rädern zurück. Nach der etwas holprigen Fahrt auf der nur teilweise geteerten Sandstraße kam man bequem nach ca. 30 Minuten dort an. Hier begann man gemächlich den ca. dreistündigen Aufstieg zum Defreggerhaus (2.963 m). Der Weg führte durch eine sehr reizvolle, wilde Hochgebirgslandschaft – anfangs noch von der typischen Hochalpenflora dominiert, später nur noch von der kargen Felslandschaft geprägt, umrahmt von blau-grau schimmernden Gletschermassen.
Dann tauchte im Blickfeld endlich die Hütte auf. Dort angekommen bezog man gleich das Nachtlager und setzte sich dann gemütlich in der Gaststube zusammen, um sich zu stärken und das Vorhaben des nächsten Tages nochmals zu besprechen. Erst die zwingende Hüttenruhe um 22:00 Uhr trennte die gesellige Runde. Nebenbei bemerkt: Es empfiehlt sich, telefonisch vorab Plätze zu reservieren, denn das Defreggerhaus ist häufig voll belegt.
Frühmorgens, nach dem Frühstück, brach man bei perfekten Wetterverhältnissen und gut gelaunt Richtung Venediger auf. Zuerst stieg man eine gute Viertelstunde über Schotter auf zum Mullwitzaderl, wo man sich nun einschirren konnte und dann ging es auch gleich auf den Gletscher. Über eine längere Querung, die nur mäßig steile Flake hoch zum Rainertörl und dann weiter zum Vorgipfel des Venedigers führte der dreistündige Aufstieg über das Mullwitzkees. Am vergletscherten Vorgipfel angekommen, trafen wir auf einige pausierende Seilschaften. Das Gipfelkreuz selbst erreichte man aber nur über den ca. 200 m langen, sehr schmalen und ausgesetzten Gipfelgrat. Der Ludwig verzichtete auf diesen letzten Nervenkitzel – wobei er ebenso wie wir mit einer nicht weniger grandiosen und wirklich bemerkenswerten Aussicht belohnt wurde. Es war an diesem Tag zwar saukalt, aber der Himmel war nur mäßig bewölkt und die Fernsicht war gigantisch!
Der Rückweg war wie erwartet unschwierig und so trafen wir kurz nach Mittag wieder wohlbehalten am Defreggerhaus ein. Bei dem einen oder anderen Bier betonte der Ludwig dann mehrfach, dass diese Tour für ihn die Krönung seines Bergsteigerlebens darstellte – und wir konnten ihm nach diesem tollen Tag nur beipflichten.
Nach einer weiteren Nacht auf dem Defreggerhaus machten wir uns – allerdings ohne den Ludwig – nochmal über das Mullwitzkees auf, um das Rainerhorn zu besteigen. Leider waren der komplette Gletscher und die Gipfel an diesem Vormittag in Wolken gehüllt und die Aussicht war gleich null. Wir nahmen es aber sportlich und hatten trotzdem unseren Spaß. Nachdem sich Ludwig uns wieder angeschlossen hatte, machten wir uns an den Talabstieg. Die ca. 1.700 Höhenmeter bis nach Hinterbichl und der mittlerweile aufgeklarte, sonnige Sommertag erhöhten merklich die Temperatur in unseren Bergstiefeln. Nach der obligatorischen Abschluss-Halben und einer warmen Mahlzeit war aber alle Anstrengung vergessen.
Grundsätzlich ist die Venedigertour bei Schönwetter eine unschwierige Hochtour, die dem Geher außer guter Kondition und dem Gehen mit Steigeisen kein besonderes bergsteigerisches Können abverlangt – mit Ausnahme des Gipfelgrates. Allerdings ist der Venediger für seine vielen und auch tiefen Spalten bekannt, die insbesondere nach Schneefällen (auch im Sommer!) oft nur zu erahnen sind. Unangeseiltes Gehen auf dem Gletscher käme einem Selbstmordversuch gleich. Deshalb sollte man immer ein GPS-Gerät (mit Reserve-Akkus!) oder zumindest Karte und Kompass einpacken und die Navigation damit beherrschen. Wer sich das selbst nicht zutraut, sollte die Dienste eines Bergführers in Anspruch nehmen.
Fotos